Montag, 27. Februar 2017

Jodi Picoult: Die Spuren meiner Mutter

"Es sind Anekdoten über Elefanten im Umlauf, die Augenzeugen des Tods eines Herdenmitglieds durch die Hände eines Elefantenbeinwilderers wurden und daraufhin nachts in ein Dorf eindrangen, um das Individuum aufzuspüren, aus dessen Gewehr der tödliche Schuss kam."

Auch das Mädchen Jenna scheint ein so legendäres „Elefantengehirn“ zu besitzen, reicht seine allererste Erinnerung doch weit in seine früheste Kindheit zurück. Sie beinhaltet seine Mutter, Zuckerwatte und das Wort „Liebling“, das sich in Jennas Gedächtnis so süß eingebrannt hat wie der Geschmack der Zuckerwatte. Damals war Jenna neun Monate alt.
Doch als sie drei Jahre alt ist, geschieht etwas derart Schlimmes, dass sie daran gar keine Erinnerungen mehr hat. Jenna nennt es das „große, trostlose weiße Nichts“. Im Elefantengehege, in dem ihre Eltern traumatisierten Elefanten ein Zuhause geben, passiert das zentrale Trauma ihres Lebens: Eine Tierpflegerin wird tot und Jennas Mutter Alice  bewusstlos aufgefunden. Wenige Stunden später verschwindet Alice aus dem Krankenhaus. Spurlos.

Heute ist Jenna dreizehn Jahre alt und besessen von dem Wunsch, etwas über ihre Mutter zu erfahren. Ihre Großmutter, bei der sie seit dem Verschwinden der Mutter aufwächst, redet nicht gerne über das, was geschehen ist. Ihr Vater ist durch den Vorfall verrückt geworden und lebt in einem Pflegeheim. Es ist niemand da, der ihr weiterhelfen kann. Alles, was sie hat, sind die Tagebücher und die wissenschaftlichen Aufzeichnungen ihrer Mutter über die Elefanten. Also nimmt sie die Sache selbst in die Hand und beginnt zu recherchieren.

In den Gelben Seiten sucht sie sich zuallererst eine Hellseherin – Serenity. Jenna weiß anhand der Akte außerdem, wie der Polizist heißt, der das Geschehen damals vor zehn Jahren bearbeitet hat. Virgil Stanhope. Doch Virgil Stanhope ist tot, teilt man ihr auf der Polizeiwache mit, als sie ihn dort sprechen möchte. Jenna kann das nicht glauben, geht ihrer Intuition nach und stöbert Virgil auf. Er ist schwer alkoholkrank und versucht unter neuem Vornamen, Vic, nun als Privatdetektiv sein bescheidenes Einkommen zu verdienen.
Dieses äußerst schräge Trio begibt sich, nach kleineren Startschwierigkeiten, auf die Suche nach Alice.

Jodi Picoult lässt in ihrem elektrisierenden Roman „Die Spuren meiner Mutter“ mehrere Erzählstränge parallel laufen. Es sind verschiedene Erzählperspektiven, derer sie sich bedient. Und die Personen, die diese unterschiedlichen Blickwinkel auf die Geschichte geben, sind psychologisch äußerst komplex und sehr vielschichtig entworfen:
Jenna, die ihre spärlichen Erinnerungen an ihre Mutter beschreibt. Sie skizziert, wie es ist, nicht zu wissen, ob die eigene Mutter tot ist oder lebt – was dann aber wiederum bedeuten würde, dass die eigene Mutter sich für ein Leben OHNE Jenna entschieden hätte. Eine Möglichkeit, die Jenna kategorisch ablehnt. Für sie ist klar, dass ihre Mutter, sollte sie noch leben, aus irgendwelchen Gründen nicht zu ihr kommen kann.
Alice, die Mutter, die viel von ihrer wissenschaftlichen Arbeit als Elefantenforscherin erzählt. Ihr Schwerpunkt vor dem Unfall waren das immense Gedächtnis der Tiere und ihr Trauerverhalten. Sie lässt tief in ihr eigenes Seelenleben blicken, beschreibt die Beziehung zu ihrem Mann, Jennas Papa, und lässt in jeder Zeile, die sie schreibt, mitschwingen, wie wichtig ihr ihre Tochter ist. Im Leser lässt sie die Hoffnung keimen, dass sie tatsächlich noch lebt – hat sie doch eine äußerst lebhafte Stimme, mit der sie im Roman zu Wort kommt.
Serenity, die Hellseherin, die sich seit Jahren in einer großen Schaffenskrise befindet. Schon als Kind hatte sie bemerkt, dass in ihr die Gabe steckt, Personen wahrzunehmen, die andere nicht sehen. Irgendwann begriff sie, dass diese Personen tot waren und dennoch mit ihr kommunizieren konnten – und sie mit ihnen. Sie wurde erfolgreich, prominent sogar, doch dann verkrachte sie sich mit ihren Geistführern, wie sie ihre beiden besten Freunde von dort nennt, und seither herrscht in ihrem Kopf gähnende Leere. Kein Kontakt zu toten Personen ist mehr möglich, so sehr sie sich auch anstrengen mag. Nach einem katastrophal falschen Versuch, ohne ihre Geistführer hellzusehen, stürzt sie aus der Riege der A-Promis in die Bedeutungslosigkeit, in der sie nun seit Jahren vor sich hindümpelt. Dass Jenna dennoch an sie glaubt, gibt ihr Kraft und Zuversicht.
Virgil, der ehemalige Polizist, ist eine verkrachte Existenz. Weil er den Fall im Elefantengehege nicht lösen konnte, verfolgte dieser ihn auch in seinen Träumen. Er begann zu trinken, suchte Zuflucht im Alkohol und baute sich eine mickrige Neu-Existenz als privater Ermittler auf. Er spricht der Hellseherin Serenity jegliche Kompetenz ab, kann mit diesem „Firlefanz“ nicht das Mindeste anfangen und beschließt, dass er, als einzig wahre Hilfe, Jenna zur Seite stehen muss, um ihre Mutter wiederzufinden.

Einzig der Vater kommt nicht selbst zu Wort. Das Bild, das vor dem Auge des Lesers entsteht, ist wie aus Puzzleteilen zusammengesetzt. Es wird gespeist durch die Aussagen und Beschreibungen der Protagonisten. Warum wird seine Sicht auf die Dinge nicht gezeigt? Liegt es daran, dass er verrückt geworden ist? Ist er zu unwichtig?

Wie bei einem guten Krimi gibt Picoult hie und da Hinweise, die man erkennen könnte, wüsste man zu dem Zeitpunkt schon, wie das Buch enden wird. Sie klärt Ungereimtheiten auf, so dass der Leser sich immer mal wieder auf der korrekten Fährte wähnt, nur um dann beim nächsten Perspektiv-Wechsel wieder perplex und staunend vor dem Nichts zu sitzen.

Als brillante Erzählerin, die sie unbestritten ist, erschafft die amerikanische Bestseller-Autorin einen ganz eigenen Kosmos, in dem Jenna und ihre Gehilfen sich bewegen. Eine Welt voller Vergleiche zwischen dem Verhalten der Elefanten und dem der Menschen. Ein ganz besonderer Zauber entsteht, wenn Alice von den unmittelbaren Begegnungen mit den großen Dickhäutern spricht und damit eine außergewöhnliche Atmosphäre heraufbeschwört. Man meint die Lösung zum Greifen nah zu haben, so klar sind die Parallelen, die man erkennen möchte zwischen der Trauer der Elefanten um ihre Kinder und der Trauer von Alice um ihre Tochter Jenna, die sie zurücklassen musste, weil …
Und dann gibt es wieder einen Perspektiv-Wechsel in diesem grandiosen Roman, gerade wenn man sich alles so schön zusammengereimt hat, und die Auflösung kommt wie ein großer Knall, denn nichts ist, wie es scheint.

Buchdetails
  • Aktuelle Ausgabe: 1. Auflage 2016
  • Verlag: C. Bertelsmann
  • ISBN: 978-3-570-10236-7
  • Gebunden: 511 Seiten

Dienstag, 25. Juni 2013

Sabine Ludwigs: Meine Seele weiß von dir

Was für ein Buch! An zwei leseintensiven Abenden musste es fertiggelesen werden!
Das Thema - Frau hat Unfall (oder?), verliert dabei die Erinnerung an ihr komplettes bisheriges Leben und muss sich nun in einem ihr völlig fremd wirkenden Umfeld zurechtfinden - ist nicht ganz neu. Auch Jodi Picoult hat es schon bedient. Doch das tut Sabine Ludwigs Werk keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sie kann problemlos neben der wortgewandten Amerikanerin bestehen.

Sina-Mareen erwacht im Krankenhaus und hat keine Ahnung, wie sie dorthin kam, warum sie da ist und vor allem: wer sie selbst ist. Die Diagnose lautet Retrograde Amnesie und sie erfährt, dass sie offensichtlich beinahe ertrunken wäre.
Vor lauter Verwirrung folgt sie ihrem einzig klaren Instinkt, der ihr befiehlt, sich im Kleiderschrank zu verstecken. Dort macht sie es sich weitgehend gemütlich, die Enge gibt ihr Geborgenheit, nur hier kann sie etwas zur Ruhe kommen.
Ein Mann kommt täglich zu Besuch. Ihr Mann. Laut Krankenschwestern extrem gutaussehend. Doch das ist Sina-Mareen egal, sie macht die Tür des Schrankes nicht auf. Sie unterhält sich aus ihrem sicheren Versteck heraus mit dem Fremden. Denn nichts anderes ist er für sie. Sympathisch findet sie ihn, aber auch distanziert.
Doch dann kommt der Tag, an dem Sina-Mareen ihr Krankenzimmer und den Schrank verlassen muss, um mit dem Fremden in ihr gemeinsames Zuhause zurückzukehren. Sie hat fürchterliche Angst.
Die Erinnerung lässt auf sich warten. Auch zu Hause. Peu à peu lernt die Frau ohne Gedächtnis die Charaktereigenschaften von Sina-Mareen kennen und ist, gelinde gesagt, entsetzt. Das, was sie von dieser Person erfährt, findet sie ausgesprochen grässlich. Sie lässt sich von ihrem Umfeld fortan nur noch Sina nennen, weil sie merkt, dass ihr heutiges Ich nicht mehr viel mit dieser Frau von vor dem Unfall zu tun hat.
Sie entdeckt, dass ihr Ehemann fast nicht mehr ihr Ehemann ist - geschockt stellt sie fest, dass sie die Scheidung eingereicht hatte. Etwas, was sie überhaupt nicht nachvollziehen kann, hat sie sich doch fast augenblicklich, als sie im Krankenhaus aus dem Schrank stieg, in Leander Hohwacht verliebt! Warum also ist die Ehe nur noch ein Scherbenhaufen? Und war ihr Unfall tatsächlich einer, oder wollte man sie loswerden?

Bekannte Orte und Menschen tun ihr Übriges dazu, dass es irgendwann zur lang ersehnten Erinnerungsexplosion bei Sina kommt. Doch die bringt nicht, wie erhofft, die Klärung aller Probleme. Im Gegenteil, alles scheint immer komplizierter und finsterer zu werden, bis sie irgendwann den Glauben an eine hoffnungsfrohe Wendung in ihrem Leben fast aufgibt ...

Ein überaus spannendes Buch, das einen vom ersten Augenblick an fesselt. Glaubt man eben noch, alles zu durchblicken und alle Antworten auf bestehende Fragen zu haben, stellt man kurz darauf fest, dass man doch wieder daneben lag mit seiner Vermutung.

Wer atemloses Lesevergnügen sucht, wer abschalten will vom Alltag und sich so richtig fallen lassen möchte in einen gelungen Plot, der sollte unbedingt zu diesem Buch greifen.

Sabine Ludwigs: Meine Seele weiß von dir. Hansanord, Feldafing 2013. 376 Seiten
www.hansanord.de, https://www.facebook.com/pages/Hansanord-Verlag/198286520307509?fref=ts

Donnerstag, 20. Juni 2013

Geseke Clark: Hilkes Tagebuch

Das Tagebuch eines Mädchens, während des Zweiten Weltkriegs geschrieben - das weckt unweigerlich Assoziationen zu Anne Frank.
Eine Ähnlichkeit ist aber nur vordergründig vorhanden, denn Hilke überlebt den Krieg, im Gegensatz zu Anne Frank. Wenngleich ihr Schicksal dennoch tragisch bleibt ...

Hilke wird 1928 geboren und wächst in einer betuchten Hamburger Familie auf. Der Vater ist ein angesehener Rechtsanwalt, die Mutter hat die "Höhere Töchterausbildung" und schmeißt den Haushalt zusammen mit ihren Angestellten. Die Familie, das sind die Geschwister Henning, Geseke, Brigitte und später noch das Nesthäkchen Regine, das erst 1942 geboren wird. Schon früh beginnt die Mutter, ihre Kinder aus der Großstadt aufs Land zu schicken, um sie nicht unnötig den Gefahren des Krieges auszusetzen. Immer länger werden diese Phasen, in denen die Kinder von Zuhause fort sind.

Hilke berichtet anfänglich in sehr kurzen Notizen. Sie klebt kleine Fundstücke ein, wie gepressten Klee oder Zeitungsausschnitte. Je älter sie wird, desto länger und reflektierter werden ihre Einträge. Man meint auch, dass der Wechsel von der altdeutschen zur lateinischen Handschrift, den sie miterlebt, ebenfalls eine Wandlung in der Länge ihrer Eintragungen mit sich bringt. Sie schreibt nun deutlich mehr. Doch vielleicht liegt dies auch an den Grauen des Krieges, die ebenfalls mehr werden und die sie verdauen muss. Sie sieht großes Unglück, Verletzte, Tote, und muss schneller erwachsen werden, als man sich das heute, behütet im neuen Jahrtausend, in Deutschland auch nur ansatzmäßig vorstellen kann.

Hilke kommt nach Hegne an den Bodensee, kann dort 1945 sogar einen Kursus als DRK-Helferin abschließen und hat es gar nicht mal so schlecht getroffen. In diesem Jahr macht sie in dem sonst eher nüchtern gehaltenen Tagebuch einen bemerkenswerten Eintrag: sie hat sich in ein Mädchen verliebt, ein gewisses "Fräulein D.". Rührend schreibt sie über ihre Gefühle: "Ich liebe und verehre sie. (Wenn ich mal später diese Zeilen lese, ob ich es wohl dann noch verstehe, oder ob ich lächel und sage: Backfischschwärmerei.)".

Im Mai schließlich beginnt ihr ganz großes Abenteuer. Der Krieg ist zu Ende und sie wird sich auf einer ereignisreichen Tour von Hegne über Franken, Kassel nach Hamburg durchschlagen. Ohne Passierscheine schafft sie in 3 Monaten das fast Unmögliche und beendet ihr Tagebuch ein für alle Mal mit den Worten "Total kaputt, aber unendlich glücklich.".


Geseke Clark: Hilkes Tagebuch. Deutschland Juli 1940 - August 1945. Hansanord, Feldafing 2009. 156 Seiten
www.hansanord.de

Freitag, 14. Juni 2013

Ben Kuipers: Ich bin dein Freund


Anders. So heißt die erste der 20 Vorlesegeschichten in diesem kleinen, feinen Buch, und das könnte man auch als Motto über die Publikation hängen: Anders.

Die Geschichten sind allesamt kurz und bündig, sie sind ideal als Einschlafgeschichten, sowohl bezüglich Inhalt als auch Länge. Und sie haben alle eines gemeinsam: ihren lakonischen Erzählstil. Hedwig von Bülow scheint da bei ihrer Übersetzungsarbeit alles richtig gemacht zu haben, sie hat eine wunderbare Sprache geschaffen, die die Kinder erreicht und die erwachsenen Vorleser erfreut.

Wolf und Lamm sind Freunde, Seelenverwandte, vielleicht sogar Verliebte. Jeder lebt in seinem eigenen Haus, die meiste Zeit wird aber gemeinsam verbracht. Ganz unaufgeregt wird da von ihren Erlebnissen berichtet, die so alltäglich sind, wie sie eben sein können bei so ungleichen Freunden. Und dabei geht es im Grunde immer um die zentralen Themen in Beziehungen: füreinander da sein, zusammenhalten und trotzdem eigenständig bleiben.

Und wenn Wolf und Lamm sich unterhalten, fallen hier so poetische Sätze wie „Ich gehe nirgendwohin. Wer verreisen will, soll lieber zu Hause bleiben. Nur dann kann man noch in alle Richtungen gehen.“
 
Ein kleines Juwel im Kinderbuchregal!
 
 
Ben Kuipers: Ich bin dein Freund. Nagel & Kimche, Zürich 2002, 72 Seiten